Mittwoch, 20. November 2013

"Die Erziehung" von Jean-Baptiste del Amo

Dieses Wochenende hatte ich Samstags schon frei und so haben wir uns zu dritt einen schönen Tag in Bern gegönnt. Da wir wegen der Kälte recht schnell müde wurden, waren wir schon um halb Fünf zu Hause und ich hatte noch viel Zeit zu lesen.^^

Das erste Buch, das ich an diesem Wochen gelesen habe, war "die Erziehung" von Jean Baptiste del Amo. Von der ersten "elektronischen" Seite (ich habe die Ebook Version auf meinem Tolino Shine gelesen) an war ich in gleichem Masse fasziniert wie damals von Patrick Süsskinds Roman "Das Parfum". Das Paris des Jahres 1760, das del Amo mit seiner bildgewaltigen Sprache vor meinem inneren Auge entstehen liess und in das sein junger Protagonist stolpert, fesselte mich derart, dass ich mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören konnte. Erzählt wird die Geschichte von Gaspard, dem Sohn eines Schweinezüchters, der nach einer lieblosen, entbehrungsreichen Kindheit auf Idem Lande sein Glück in der schillernden Hauptstadt sucht. Völlig mittellos wie er ist, muss er so schnell wie möglich zu Geld kommen und findet eine Beschäftigung als Flussarbeiter. Irgendwie fühlt er sich fehl am Platz, er fühlt, dass ihm ein anderes Leben zusteht und dank eines glücklichen Zufalls findet er eine Lehrstelle bei einem Perückenmacher. Dieser erste Schritt in eine bessere Zukunft erweist sich im Verlauf der Geschichte jedoch als Anfang vom Ende. An seinem neuen Arbeitsort macht Gaspard die Bekanntschaft mit dem faszinierenden, gut aussehenden und wegen seiner vielseitigen sexuellen Neigungen umstrittenen Comte Etienne de V. Von ihm fühlt sich der eher gefühlskalte Gaspard unwiderstehlich angezogen. Der Comte erkennt, was er aus Gaspard erschaffen könnte, was unter all dieser Unsicherheit und Liebesbedürftigkeit steckt und fasst einen perfiden Plan. Gaspard hingegen kennt nur noch ein Ziel: er will gesellschaftlich aufsteigen und endlich akzeptiert werden. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Als Strichjungen  schläft er sich skrupellos durch die Betten von Adligen und somit nach ganz oben. Doch seine innere Dunkelheit lässt sich auch vom Glanz des Geldes nicht erhellen...

Ich halte "Die Erziehung" für einen sensationellen Roman. Ich genoss es ihn zu lesen. Nicht nur wegen del Amos' wunderbaren, lebendigen, Sprache, sondern auch wegen der aussergewöhnlichen, tragischen Geschichte Gaspards. Manchem wird die plastische Schilderung gewisser Sexszenen fast schon pornografisch erscheinen, passt aber zu diesem stark körperlichen Roman. Schon der Anfang des Buches lässt das Paris des Jahres 1760 bedrohlich vor dem inneren Auge entstehen:
 Paris, dreckiger, stinkender Nebel Frankreichs. Die Sonne, die am Himmel hing wie das Auge eines Kyklopen, warf eine gnadenlose Hitze auf die Stadt herab, eine stickige Trockenheit. Ein Fieber ergoss sich wie zähflüssiges Wachs über Paris, verwandelte die Behausungen unter den Dächern in Höllen, sickerte durch die engen Gassen, füllte jede Vene und jede Arterie mit seinem Saft, trocknete die Brunnen aus, stand in der flirrenden Luft der Höfe und verlassenen Plätze.
In dieser Gehenna klebte die Sommerhitze wie eine Maske auf den Gesichtern, liess die Tiere verenden, die in einer schattigen Ecke verzweifelt ums Überleben kämpften, erstickte die Frauen mit ihren schmierigen Brüsten. In Bächen entliessen die Schweissdrüsen ihre Sekrete, die von den haarigen Achseln über Rücken und Hintern bis über die Beine strömten. 

Ich war mir währen des Lesens meiner Gefühle für Gaspard nie ganz sicher. Auf der einen Seite tat er mir leid, denn die vielen, düsteren Flashbacks konnte ich erfahren wie sehr er unter seinem gewalttätigen Vater leiden musste und wie ihn das geprägt hat. Auch die Art und Weise wie der Comte Etienne de V. Gaspard körperlich ausnutzt und seelisch bricht, tat mir unendlich leid und dennoch hoffte ich bis fast ganz zum Schluss auf ein Happy End. Doch wer von beinahe jeder Person in seinem Leben auf die eine oder andere Art und Weise enttäuscht und missbraucht wird, kann wohl kein normales Leben führen. Jean-Baptiste del Amo hat für seinen  Roman zu Recht zahlreiche Preise gewonnen. 

by Désirée Lynch

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