Sonntag, 22. Januar 2012

Rotbart triumphant - Schwanensee im Kongresshaus Zürich

Freitag Abend war kein guter Abend, um das Haus zu verlassen: richtig kalt, dazu dieser Dauerregen und als ob das nicht schon genug wäre, blies einem ein eisiger Wind ins Gesicht. Ja, wir dachten wirklich ganz kurz daran, Schwanensee sausen zu lassen, zumal wir nur(!) in der zweiten Reihe sitzen würden. Der letzte Besuch des Kongresshauses war uns noch in lebhafter Erinnerung und trug zu unserer Unmotivation zusätzlich bei. Aber als wir dann wegen mir beinahe zu spät zu kommen drohten( mit meinem genialen Orientierungssinn lotste ich uns in das Tram, das genau in die Gegenrichtung fuhr), da wollten wir die Aufführung dennoch um keinen Preis verpassen. Um 19.57 Uhr, drei Minuten vor Showbeginn, stürmten wir drei in's Foyer und waren überrascht dort noch so viele Menschen vorzufinden. Für ein Programmheft blieb wieder keine Zeit, wir waren einfach froh endlich auf unseren Plätzen zu sitzen und keine grossen Leute vor uns zu haben.

20.10 Uhr: Beginn der Ouvertüre... der Vorhang blieb geschlossen. Oh, nein, nicht schon wieder. Alles wiederholt sich, dachten wir nur. In verschiedenen Versionen dieses Balletts wird an dieser Stelle gezeigt wie der böse Zauberer Rothbart, das junge Mädchen Odette in einen Schwan verzaubert. So sieht man es auch im Hollywood-Film Black Swan. Uns fehlte dieser Prolog und manch einem, der die Geschichte des Balletts nicht kennt, könnte es ähnlich gegangen sein.
Der Vorhang öffnete sich zum ersten Akt und gab den Blick frei auf den Park eines Königsschlosses, wo am Vorabend zum 21. Geburtstags von Prinz Siegfried, ein Fest gefeiert wird. Das Bühnenbild war wunderschön und mehrschichtig. Auf einer Leinwand im Hintergrund sah man das Schloss mit dem See, umramt wurde dies von Vorhängen, die Bäume darstellten. Alles wirkte so märchenhaft und liebevoll gestaltet und wie wunderbar, allen Tänzerinnen und Tänzern schien es Spass zu machen. Vom ersten Augenblick an, fühlten wir uns wohl. Der Hofnarr, getanzt von Yaroslav Sinitsin, wies nicht die Spur einer Witzfigur auf. Er zeigte kraftvolle Sprünge, wagemutige Piruetten und blieb trotz seiner Spässe und dem Grinsen immer würdevoll. Dmitry Kotermin als Prinz Siegfried war gut besetzt. Er wirkte sehr verträumt und jugendlich, man nahm ihm den jungen Königssohn ab. Trotzdem war er nicht so unser Fall, er war uns für ein "erster Tänzer" viel zu unauffällig. Zwar verfügte er über eine saubere Technik, aber einer der führenden Solisten Artemy Phyzov stahl ihm mit seiner Ausstrahlung total die Show. Ansonsten fielen uns im ersten Akt die wirklich schönen Kostüme auf, sie wirkten prunkvoll und erinnerten uns an die opulenten Kostüme, die früher im Mariinski Theater getragen wurden.

Als sich der Vorhang zum zweiten Akt öffnete, blieb uns beinahe die Luft weg: der ganzen Nebel, den sie bei geschlossenen Vorhang auf die Bühne gepumpt hatten, liess es aussehen als ober der Wald in Brand stand. Aber durch diesen Rauch hindurch sahen wir zum ersten Mal den bösen Zauberer Rotbart. Wow! Was für eine Ausstrahlung, agressiv, männlich, unheimlich, einfach magnetisch. Vladimir Mineev war sensationell in dieser Rolle. Er bewegte seinen Kopf wie eine Krähe mit ruckartigen Bewegungen und die Kappe, die er trug, sah sogar wie ein Schnabel aus. Ihn umgab eine animalische Aura, er war so gut, nicht von dieser Welt. Wären wir Odette gewesen, hätten wir Prinz Siegfried links liegen gelassen. Okay, Rotbart war böse und hatte die ganzen jungen Mädchen in Schwäne verwandelt, aber diese böse Seite liess ihn echt aufregend wirken und dann tanzte er auch noch wie ein junger Gott...Leider war er dann auch schon weg und überliess den Schwänen die Bühne, uns liess er hypnotisiert zurück. Es war schön die ganzen Choreographien mal live auf der Bühne zu sehen. Jetzt wollten wir aber endlich Odette sehen. Da kam sie dann auch und ehrlich gesagt, war ich zunächst enttäuscht. Vor meinem geistigen Auge verglich ich Irina Ablitsova ständig mit Chase Johnsey von Les Ballets Trockadero. Da die Trocks alles übertriebener, femininer und grösser darstellen, wirkte Irina Ablitsova steifer und kühler, aber sie hatte wahnsinnig grosse Augen und konnte einem glaubhaft vermitteln, dass sie sich vor Prinz Siegfried zunächst fürchtete. Irgendwie harmonierten Irina Ablitsova  und Dmitry Kotermin nicht so recht miteinander. Manche Hebungen wirkten richtig ungelenk und die aufkeimende Liebe zwischen den beiden, konnten wir auch nicht entdecken. Charlene und ich waren während des ganzen Aktes nicht so überzeugt von ihr als Odette, aber wir waren wahnsinnig gespannt auf ihre Darstellung der bösen Odile.
Dmitry Kotermin & Anna Shcherbakova, im Hintergrund Vladimir Mineev
Auf den dritten Akt freuten wir uns nicht nur wegen Odile und ihren 32 Fouettées, sondern auch weil Rotbart endlich wieder auf der Bühne sein würde. Das Corps de ballet zeigte wieder eine super Leistung und wir genossen es, dass alle Tänzer lächelten und richtig lebendig wirkten. Ist ja offenbar nicht selbstverständlich. Als dann Rotbart mit seiner verführerischenTochter Odile auftauchte, begann die Bühne förmlich zu brennen. Wir hatten nur wieder Augen für Vladimir Mineev als Rotbart. Er tanzte unglaublich, diese Sprünge, diese Männlichekeit, wie er mit seinem Umhang spielte, sodass sie wie Flügel wirkten, er war wirklich göttlich. Mit drei Grand Jetés konnte er die Bühne überqueren. Aber auch Irina Ablitsova  war nicht wiederzuerkennen. Sie war eine unglaublich hemmungslose und feurige Odile, die einen echt koketten Blick drauf hatte. Vermutlich fühlte sie sich mit Vladimir Mineev einfach wohler, die beiden waren wirklich ein teuflisch gutes Gespann. Wir zählten 31 Fouettées, aber die waren sensationell und punktgenau. Rotbart beobachtete alles und hatte immer diesen bösen Blick drauf, aber nachdem Prinz Siegfried der falschen Geliebten ewige Liebe geschworen hatte und die arme Odette im Hintergrund erschien, schlich sich ein winziges diabolisches Lächeln auf seine Lippen. Oh Mann, Vladimir Mineev spielte den Rotbart nicht nur, er war Rotbart. Der dritte Akt war bisher der beste von allen.

Der vierte und letzte Akt zeigte wie die Schwäne ihre zutieftst enttäuschte Königin zu trösten versuchten. Diesen Part meisterte Irina Ablitsova  sensationell, sie wirkte wirklich wie gebrochen. Als Rotbart dann auch noch auftauchte und mit seinen Flügeln auf die am Boden liegende Odette eindrosch, tat sie einem wirklich leid. So einen brutalen Rotbart hatten wir echt noch nie gesehen. Hammer! Das Ende war auch ganz anders, Prinz Siegfried riss Rotbart einen Flügel aus, worauf der vor Schmerzen zu Boden ging und sich zweimal höchst dramatisch aufbäumte, bis er sich schliesslich in den See stürzte und ertrank. Wir waren schockiert. Dieser wunderbare Rotbart hatte so ein Ende nicht verdient. In dieser Inszenierung durften sich die Schwäne wieder in Mädchen verwandeln und Siegfried durfte seine Odette heiraten. War ja auch ganz schön.

Vladimir Mineev, Rotbart

Vladimir Mineev blieb sogar während des Finales ganz in seiner Rolle und wir wollten unbedingt ein Programmheft haben, um zu wissen, wer sich hinter dieser Rolle verbirgt. Erstaunlich so ganz ohne Schminke wirkt er ganz jungenhaft, er ist auch erst 29 Jahre alt. Mit dieser grossartigen Aufführung hat das Russische Staatsballett die Ehre Russlands absolut wieder hergestellt. Wir würden uns ein Ballett des RSB jederzeit wieder ansehen, denn es war grossartig.

by Désirée Lynch

Kommentare:

  1. klingt nach einem wunderschönen Balett =) ich war noch nie bei einer Vorstellung.

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  2. Es war auch sagenhaft. Wir hatten Schwanensee auch noch nie zuvor auf der Bühne gesehen. Auf DVD ist es nicht so intensiv, live war es echt sehenswert. Das Russische Nationalballett tourt viel mehr in Deutschland, vielleicht hast du da auch mal die Gelegenheit, würde dir mit Sicherheit gefallen. LG Désirée

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  3. Ich habe Schwanensee auch gesehen und war hin und weg :)
    Ich kann Dödi nur zustimmen, die DVD ist sehenswert, aber live auf der Bühne berührte es einen noch viel mehr!
    Jeder der die Gelegenheit dazu hat, sollte sich Schwanensee umbedingt ansehen!

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  4. Hallo Ihr Zwei,
    ich wollte Euch sagen, dass ich das, was ihr über Vladimir Mineev schreibt, nur unterstreichen kann und mit einem dicken und roten Ausrufezeichen versehe!!! Ich habe ihn zwar als Rothbart (NOCH) nicht gesehen aber als Drosselmeyer im Nussknacker. Und mir ging es wie Euch - der kam auf die Bühne und hatte eine Ausstrahlung - fast schon Aura - dass mir wirklich der Mund offen stand. Ich war immer ein bisschen traurig, wenn er nicht auf der Bühne war. Und auch ich habe mir in der Pause schnell das Programmheft gekauft um zu sehen, wie dieser Tänzer, der so viel Männlichkeit, eine Spur von Arroganz und totale Überlegenheit ausstrahlte, ist. Ich war auch überrascht, als ich das Bild sah und dachte "Was für ein Bübchen!"
    Oh, und Dimitry Kotermin hat mich als Nussknacker-Prinz auch nicht wirklich überzeugt - technisch einwandfrei! Aber von der Ausstrahlung her - irgendwie fad! Da fehlte so ein bisschen der Pfeffer, die Leidenschaft – ja – er hat es halt abgetanzt.
    Ich habe Karten für "Schwanensee". Ich hoffe wirklich auf Vladimir Mineev als Rothbart. Jetzt, nachdem ich Eure Eindrücke gelesen habe und sie 1 zu 1 meinen entsprechen, noch mehr. Und ich hoffe auf Maxim Fomin als Siegfried. Das ist neben Mineev mein Lieblingstänzer. 4
    Aber bitte nicht Kotermin - da droh ich einzuschlafen! ;-)
    Liebe Grüße!
    Anja

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