Mittwoch, 7. Dezember 2011

Der Nussknacker - eine Ballettaufführung ohne Biss

Wie hatten Charlene und ich  uns gewünscht, einmal an Weihnachten das Ballett "Der Nussknacker" zu sehen. Bei vielen Ballettliebhabern in Städten wie London oder New York ist es fast schon Brauch, sich jedes Jahr von E.T.A. Hoffmanns Geschichte verzaubern zu lassen. Schon vor Monaten versuchten wir Tickets für's Opernhaus Zürich zu bekommen, aber wer wie wir keine Kreditkarte besitzt, hatte da schlechte Karten. Als Ersatz entschieden wir uns für die Aufführung des Staatsballetts Kiew im Kongresshaus Zürich.
Gestern, am 6. Dezember war es dann so weit.  Der Eingang zum Kongresshaus sah toll aus und unsere Vorfreude stieg noch einmal an. Drinnen bekamen wir dann den ersten Dämpfer, denn ein paar Damen trugen Abendkleider, sodass wir uns plötzlich ein wenig "underdressed" vorkamen. Dann versuchten wir ein Programmheft aufzutreiben, da wir uns gerne schon vor Beginn über die Tänzer informieren, aber da sie nirgends verkauft wurden, mussten wir darauf verzichten und begaben uns schon einmal in den Saal. Natürlich sassen wir wieder in der ersten Reihe, damit wir die Füsse und Gesichter der Tänzer gut sehen konnten. Das taten wir dann aber nicht, weil die Bühne so hoch war. Normalerweise hätten wir dann das Programm studiert, aber nun schauten wir uns notgedrungen ein bisschen um und so fiel uns der schmutzige, staubige und zerkratzte Boden auf. Keine schöne Visitenkarte für das Kongresshaus.

20.00 Uhr: Beginn der Vorstellung:...also die Musik begann, der Vorhang blieb zu... Zunächst dachten wir, dass der Vorhang klemmt, aber als sich weiterhin nichts tat, mussten wir davon ausgehen, dass das erste Musikstück einfach nicht getanzt wurde, es war wohl die Ouvertüre. Endlich öffnete sich der Vorhang einen Spalt breit, kleine weisse Lichtpunkte wirbelten dahinter herum und ein paar Tänzer erschienen, die im Dunkeln zur Musik herumirrten. Ha! Doch eine technische Panne! Aber nein, das war Teil der Inszenierung. Der halb offene Vorhang symbolisierte eine geöffnete Haustüre, die kleinen weissen Punkte stellten fallende Schneeflocken dar und da die Gäste nachts zur Weihnachtsfeier erschienen, mussten die Tänzer zunächst im Dunkeln agieren. Wie toll, da waren sogar Kinder dabei, die grässliche Kurzhaarperücken trugen. Beim New York City Ballett werden auch Kinder von Ballettschulen für diverse Rollen gecastet, daher fanden wir das richtig gut. Endlich ging der Vorhang auf und die Bühne wurde erhellt, wir blickten geradewegs in das Wohnzimmer von Klaras Familie.
So ähnlich sah das bei uns aus, nur bescheidener
Das Bühnenbild war komplett gemalt, nur der Baum war ein kleines, blinkendes Ding, der besser an einen Tankstellenshop gepasst hätte. Wie sollte der im Verlauf der Geschichte wachsen? Es war offensichtlich, dass die Truppe nicht ganz so viel Geld zur Verfügung hatte, denn auch viele der Kostüme sahen selbst-genäht aus. Irgendwie rührend und ausserdem sollten Kostüme und Dekor zweitrangig sein, wenn die Tänzer gut sind. Der Tanz der kleinen Jungen begann. Moment...das waren doch keine Kinder, das waren Tänzerinnen mit Spielzeugschwertern während die "kleinen Mädchen" mit Stofftieren herumwedelten. Von diesen waren wir auch nicht so angetan, wollten sie doch gar nicht zu den Rokoko-Perücken passen. Geschockt und hypnotisiert von einem kleinen rosa Plüschpferd folgten wir der wenig inspirierten Choreographie. Wir dachten nur: Hilfe und dafür haben wir CHF 300.- ausgegeben! Noch schlimmer als das Tanzstück fanden wir die Tatsache, dass einige Tänzer regelrecht gelangweilt zu sein schienen. Wenigstens Klaras Eltern, ihr "kleiner Bruder" und Klara selbst wirkten sympathisch und spielten mit Freude. Der Auftritt von Klaras Patenonkel Drosselmeyer war  eine richtige Abwechslung, er gab sich wirklich Mühe, eine geheimnisvolle, magische Stimmung zu schaffen, sein seltsames Zauberhütchen wirkte aber nicht sehr förderlich. Drosselmeyers Puppen tanzten nicht schlecht, wir aber warteten auf Klaras Tanz mit dem Nussknacker.
So toll kann der Nussknacker aussehen
Plötzlich brachte Drosselmeyer eine kleine Tänzerin, die als Soldat verkleidet war und im Gesicht einen roten Maulkorb trug, der schwer an Hannibal Lector erinnerte. Im Laufe der Choreographie dämmerte uns, dass diese Tänzerin den Nussknacker tanzte und dieser Mundschutz wohl den grossen, Nüsse-knackenden Mund des Nussknackers darstellen sollte. Unheimlich... . Alles an dieser Inszenierung war irgendwie anders und seltsam. Aber der Baum wuchs tatsächlich, zwar nicht ins Undendliche, aber sie liessen ihn dennoch wachsen. Nichts, aber auch gar nichts hätte uns darauf vorbereiten können, was dann folgte: der Tanz der Mäuse. Was die Tänzer in ihren komischen Kostümen mit den armseligen Mäuseköpfen da zeigten, konnte nicht als Choreographie bezeichnet werden. Sie hüpften in gebückter Haltung über die Bühne und ruderten mit den Armen vor dem Bauch herum. Einer der Mäuse war am Rücken sogar das Oberteil geplatzt. Der Auftritt des in anderen Inszenierungen majestätisch präsentierten Mäusekönigs wirkte nur lächerlich. Als besonderes Merkmal hatte er Zähne an seinem Mäusekopf und eine Prinzessinnenkrone. Wenigstens seine Pirouetten und Sprünge waren nicht schlecht, irgendwie schien er seine Rolle sogar zu mögen. Die Schlacht der Mäuse mit den Pfefferkuchen-Soldaten, die übrigens wieder alle von Tänzerinnen getanzt wurden, war leider nicht so spannend. Wenigsten durften wir endlich auch einmal live Klaras berühmter Schuhwurf, mit dem sie den Nussknacker rettete, erleben. Der Nussknacker verwandelte sich in einen Prinzen und der war sogar wirklich ein Mann. Ein guter Tänzer mit einer schönen, sauberen Technik, aber Null Ausdruck. Während des Pas de deux' mit Klara wirkte er komplett teilnahmslos, sie hingegen versuchte den Auftritt mit ihrem hübschen Lächeln zu retten. Der berühmte Schneeflockenwalzer wurde dann leider ebenfalls durch die Tatsache getrübt, dass es wieder so viele Tänzerinnen hatte, die überhaupt keinen Ausdruck verfügten. Wieso lächelten von zehn Tänzerinnen vielleicht gerade mal zwei?
Schneeflockenwalzer by Balanchine: New York City Ballet

Ende erster Akt, Pause: Wir überlegten einen kurzen Moment die Vorstellung verfrüht zu verlassen.

Beginn zweiter Akt: Der Vorhang ging auf und wir erblickten das Schloss der Zuckermandelfee. Wieder war die Kulisse komplett gemalt, aber märchenhaft sah es trotzdem aus. Ein bisschen wie bei "Barbie in der Nussknacker". Nun präsentierten sich verschiedene Süssigkeiten, allen voran Schokolade. Ein spanischer Tanz, der Pas de deux wurde von beiden gut getanzt und hatte sogar ein bisschen Rasse.
Arabischer Tanz: Sacramento Ballet
Danach folgte Kaffee, der arabisch anmutende Pas de deux zählte zu den wenigen Highlights. Tänzer und Tänzerin sahen ein bisschen aus wie Aladin und Yasmin. Er hatte nicht viel zu tanzen, war aber ein ganz fantastischer Partner. Die Tänzerin hatte wunderschöne Füsse und "Aladin" liess sie so richtig schön glänzen. Tee wurde von einer niedlichen echte Chinesin oder Japanerin mit einem seltsam zureichtgemachten falschen Chinesen präsentiert, ein schneller Tanz mit vielen Drehungen und Sprüngen. Sie tanzte sauber, der Tänzer blieb eher farblos. Der russische Tanz, der danach folgte wurde von einer wohl traditionell gekleideten Tänzerin und jenem Tänzer getanzt, der im ersten Akt den Drosselmeyer dargestellt hatte. Beide lächelten und machten ihre Sache gut, aber anspruchsvoll war die Choreographie nicht. Im Anschluss dann ein Pas de quatre, drei Tänzerinnen mit süssen Hütchen, die ein bisschen wie die französischen Hexen bei Harry Potter und der Feuerkelch wirkten mit einem wirklich guten Tänzer. Er war der einzige an diesem Abend, der für seine hohen Sprünge und seine sauberen Entrechats Szenenapplaus erhielt. Schliesslich folgte der Blumenwalzer. Wieder fielen die farblich nciht zusammenpassenden Kostüme und die mangelnde Freude am Tanz auf. Aber eine Ausnahme gab es, die in unseren Augen die komplette Vorstellung rettete. Das Pärchen ganz rechts, das genau vor uns tanzte, war einfach zauberhaft. Sie lächelte so goldig und harmonierte perfekt mit ihrem Partner, dessen Handhaltung extrem auffiel, da er mit seinen Händen total süsse "Schneckchen" formte. Beide hatten solch eine Bühnenpräsenz, dass wir nur noch auf sie achteten. Nicht einmal der Pas de deux der Zuckermandelfee mit dem apathisch wirkenden Nussknacker-Prinzen konnte uns so begeistern wie diese beiden.
Die Vorstellung endete mit drei Vorhängen, die nicht alle Tänzer verdient hatten. Diese Aufführung zeigte deutlich, dass es keine kleinen Rollen gibt, nur kleine Tänzer. Es war schade, dass gerade der Solist und der grösste Teil der Company so freudlos getanzt hat.  

by Désirée Lynch

1 Kommentar:

  1. ihr seht voll hübsch aus! wow, total edel mit den hochsteckfrisuren... schade, dass das ballett dann nicht so toll war... lg maria

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...